BGM während oder abseits der Arbeitszeit? Pro und Kontra

BGM ist eine gute Sache. Da sind sich die meisten Betriebe einig. Doch wann sollten Angebote am besten stattfinden? Während der Arbeitszeit, um viele Beschäftigte zu erreichen – oder außerhalb, um Kosten und Ausfälle zu vermeiden? Wir sehen uns die Pro- und Kontra-Argumente einmal genauer an.
Foto: Unsplash

Das Wichtigste im Überblick

  • BGF-Maßnahmen sind im Gegensatz zu Arbeitsschutz- oder BEM-Maßnahmen für Unternehmen freiwillig. Sie fallen nicht automatisch in die Arbeitszeit.

 

  • Kritiker:innen befürchten vor allem finanzielle und organisatorische Kosten von Gesundheitsangeboten während der Arbeitszeit.

 

  • Befürworter:innen sehen die langfristigen Vorteile für die Produktivität und das Employer Branding – und betonen, dass Gesundheitsangebote während der Arbeit nicht viel Zeit einnehmen müssen.
Ist BGM Teil der Arbeitszeit?

Zukunftssorgen, Stress, psychische und körperliche Belastung, egal ob in der Produktion oder am Schreibtisch – dass Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) heute wichtiger denn je ist, ist für die meisten Betriebe klar. Sie sehen die Vorteile für die Betriebsgesundheit, das Arbeitsklima und die Produktivität.

 

Doch auch wenn die Frage nach dem „ob überhaupt BGM” immer weniger gestellt wird, wird die Frage nach dem „Wann?” häufiger diskutiert. Manche Betriebe bieten BGM- und BGF-Maßnahmen in der Regel außerhalb der regulären Arbeitszeit an – zum Beispiel vor Arbeitsbeginn oder nach Feierabend. Auf der anderen Seite gibt es Unternehmen, die ihren Beschäftigten erlauben, an Angeboten auch während der Arbeitszeit teilzunehmen.

 

Gerade wenn es wirtschaftlich schwer läuft, stehen Unternehmen oft vor dem Dilemma – Arbeitszeit für BGM-Angebote öffnen und langfristig profitieren? Oder kurzfristig Geld sparen, aber langfristig zu Lasten der Belegschaft? Wir stellen einmal die Pro- und Kontra-Argumente gegenüber, um Entscheidungsträger:innen und BGM-Verantwortlichen eine Orientierungshilfe zu bieten.

Foto: Unsplash
Rechtlicher Rahmen: BGF grundsätzlich freiwillig

Ob Teile des BGM zur regulären Arbeitszeit gehören, hängt primär von der Art der Maßnahmen ab. Die drei Säulen des BGM können helfen, diese einzuordnen.

 

  • Im Hinblick auf den Arbeitsschutz gilt: Arbeitgeber:innen sind gesetzlich dazu verpflichtet, Arbeit so zu gestalten, dass die Gesundheit von Beschäftigten am Arbeitsplatz möglichst nicht gefährdet wird.1,2 Deshalb gilt: Pflichtmaßnahmen, die dem Arbeits- und Gesundheitsschutz dienen – etwa Sicherheitsunterweisungen oder ergonomische Schulungen –, sind Teil der Arbeitszeit. Diese Maßnahmen gewährleisten die Sicherheit und Gesundheit von Beschäftigten am Arbeitsplatz und müssen während der regulären Arbeitszeiten durchgeführt werden.3

 

  • Auch Maßnahmen rund um das Betrieblichen Eingliederungsmanagements (BEM) sind gesetzliche Aufgabe und von Betrieben gesetzeskonform umzusetzen.1,2 Gespräche mit Beschäftigten zur Planung der Eingliederung nach längerer Krankheit sind etwa auch Teil der Arbeitszeit.4

 

  • Die Umsetzung von BGF ist eine freiwillige Aufgabe und unternehmerische Entscheidung, die nicht auf einer gesetzlichen Grundlage basiert. Die Betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) als Teil des BGM wird durch Sozialversicherungsträger wie der Gesetzlichen Krankenversicherung gemäß § 20 SGB V gefördert und ist ebenso eine freiwillige Aufgabe der Unternehmen.1,2

 

Da BGF-Maßnahmen wie etwa Workshops zum Thema Stressbewältigung freiwillig sind, fallen sie nicht automatisch in die Arbeitszeit. Unternehmen gehen damit, wie oben beschrieben, unterschiedlich um. Doch welche Vor- und Nachteile hat es, BGF-Angebote in der Arbeitszeit stattfinden zu lassen? Sehen wir uns die beiden Seiten genauer an.

Foto: Unsplash
Kontra: BGF während der Arbeitszeit kostet

Betriebe, die zögerlich damit sind, Gesundheitsangebote während der Arbeitszeit anzubieten, machen das oft aus Ressourcengründen. Dazu gehören etwa:

 

Produktivitäts- und Zeitverlust

 

Wenn Beschäftigte während der Kernarbeitszeit Ernährungsworkshops besuchen, Sport machen oder Entspannungskurse belegen, fehlen sie im Tagesgeschäft. Viele Unternehmen befürchten Einbußen bei der Produktivität und legen die Angebote lieber außerhalb der Arbeit.

 

Kostenfaktor

 

Arbeitszeit ist teuer. Wenn Beschäftigte sie für gesundheitliche Zwecke nutzen, steigen rein rechnerisch die Lohnstückkosten für diese Phase. Gerade wenn Unternehmen wirtschaftlich aufs Geld schauen müssen, wird BGM häufig ein Posten, bei dem eingespart wird – oder den man auf Randzeiten legt, um die Arbeitszeit optimal zu nutzen. 

 

Organisatorischer Aufwand

 

Unterschiedliche Arbeitsmodelle, Schichtarbeit, Kundentermine oder Fristen erschweren die Koordination von Angeboten. Oft geht es dabei auch um eine Gerechtigkeitsfrage: Wer darf den Kurs oder den Workshop besuchen, wer muss erreichbar bleiben oder die Produktion im Auge behalten

 

„Zwangscharakter" vermeiden

 

Viele Betriebe wollen zudem vermeiden, dass BGF-Maßnahmen während der Arbeitszeit als Zwang empfunden werden. Etwa wenn Beschäftigte das Gefühl bekommen, jetzt gesund sein zu müssen, was Druck entstehen lassen kann.

Foto: Unsplash
Pro: BGF während der Arbeitszeit zahlt sich aus

Auf der anderen Seite gibt es Unternehmen, die ihren Mitarbeitenden erlauben, an Gesundheitsangeboten auch während der Arbeitszeit teilzunehmen. Der langfristige Nutzen und der Präventionsgedanke stehen dabei im Vordergrund.

 

Höhere Teilnahmequoten

 

Nicht alle Beschäftigten können sich nach Feierabend motivieren, an Gesundheitsangeboten teilzunehmen. Gerade Spät- und Nachtschichten oder Verpflichtungen aus weiteren Beschäftigungsverhältnissen sorgen laut dem iga-Report 39 dafür, dass die Beschäftigte nicht an Gesundheitsangeboten außerhalb der Arbeitszeit teilnehmen können.

 

Dabei sind sie oft diejenigen, die von Maßnahmen am meisten profitieren. Maßnahmen während der Arbeitszeit anzubieten kann helfen, diese Zielgruppen direkt im Alltag abzuholen und zu inkludieren. Auch der aktuelle iga-Report 49 listet als Erfolgsfaktor für BGM-Maßnahmen, dass diese als Arbeitszeit angerechnet werden können.5

 

Angebote müssen nicht viel Zeit kosten

 

BGF-Angebote müssen nicht den halben Tag einnehmen oder stundenlang dauern. Im Gegenteil: Die sogenannte „aufsuchende Gesundheitsförderung” setzt oft auf Zugänglichkeit in kleinem Rahmen. Es handelt sich dabei nämlich um Angebote, die Beschäftigte ohne Mehraufwand und mit minimalen Einschränkungen in ihren Berufsalltag und Arbeitsablauf integrieren können.

 

Meist werden die Angebote direkt am Arbeitsplatz durchgeführt – und entsprechend während der Arbeitszeit angeboten. Dazu gehören zum Beispiel aktive Pausen, kurze Schreibtisch-Workouts oder mobile Rückenschulen in der Produktionshalle. Die situativen Angebote machen es für BGM-Verantwortliche oft einfacher, auf den individuellen Bedarf von Mitarbeitenden einzugehen. Zudem werden Angebote dadurch niedrigschwellig, wodurch sie wiederum eher wahrgenommen werden.

 

Das McKinsey Health Institute untersuchte 115 evidenzbasierte Interventionen am Arbeitsplatz. Das Ergebnis: Die wirksamsten Maßnahmen lassen sich nahtlos in den Arbeitsalltag integrieren und sind leicht umzusetzen.6

Foto: Unsplash
  • „Das Wohlbefinden als Infrastruktur zu betrachten bedeutet, es als Voraussetzung für Produktivität, Mitarbeiterbindung, Führungskräfteentwicklung und langfristige Leistungsfähigkeit anzuerkennen.”
    Deloitte 2026 Gen Z and Millennial Study

Employer Branding: Die Attraktivität als Arbeitgeber steigt

 

In Zeiten des Fachkräftemangels sind Gesundheitsangebote ein wichtiger Faktor für die Arbeitgeberattraktivität. Das zeigt etwa die „2026 Gen Z and Millennial Study” der Unternehmensberatung Deloitte. Junge Menschen stellen ihre Gesundheit heute oft vor die Karriere. Sowohl die Generation Z als auch die Millennials betrachten Wohlbefinden zunehmend als eine Art „Infrastruktur” – als Grundlage, die entscheidet, was sie stemmen können und was nicht. Eine Work-Life-Balance ist für junge Menschen ebenso ein wichtiger Faktor. Die Gen Z schätzt laut dem Wirtschaftsmagazin Forbes Arbeitgebende, die sich eher auf Ergebnisse als auf starre Arbeitszeiten konzentrieren und so eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben ermöglichen. Wer Gesundheit in die Arbeitszeit integriert, sendet als Unternehmen ein klares Signal für Flexibilität.

 

Langfristig positiv für Produktivität

 

Befürworter:innen von Gesundheitsangeboten während der Arbeitszeit betonen oft die langfristigen Vorteile. Nehmen Beschäftigte Angebote während der Arbeit wahr, sei das betriebswirtschaftlich zunächst eine Investition in Zeit – aber nicht automatisch ein Verlust. Indem Angebote in den Arbeitsalltag integriert werden, profitiert das Unternehmen langfristig von einer besseren Gesundheit der Beschäftigten, einer höheren Produktivität und geringeren Fehlzeiten. Auch Studien sehen viele positive Effekte, etwa von Bewegungsförderung im Arbeitskontext. So zeigte eine Untersuchung der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), dass durch durch Bewegungsinterventionen die Vitalität gesteigert werden konnte und die Mitarbeitenden zufriedener mit der Arbeit waren. Zudem wurden die kardiovaskuläre Fitness und Muskelkraft erhöht, und Schmerzen konnten reduziert werden. Als Erfolgsfaktoren für die Implementierung von Bewegungsförderung nennen die Studienautor:innen unter anderem die Vergütung der Arbeitszeit.

  • „Tendenziell scheinen Effekte auf die Gesundheit und die Produktivität größer zu sein, wenn das Training während der Arbeitszeit stattfindet, als wenn dies in der Freizeit durchgeführt wird.”
    ZHAW (2020)
Fazit: BGM als langfristige Investition

Die Einwände, dass Gesundheitsangebote während der Arbeitszeit Kosten und Aufwände verursachen, sind real. Sie greifen aber oft zu kurz. Denn: Sie betrachten BGM als Kostenfaktor statt als Investition. Als Betrieb vermeintlich auf Arbeitsminuten zu verzichten, zahlt sich am Ende immer aus – in Form von gesünderen, motivierteren und loyaleren Beschäftigten. Die Frage sollte daher nicht lauten ob man BGM während der Arbeitszeit anbietet, sondern wie man es clever und flexibel organisiert. Auch die Kommunikation drum herum entscheidet: Laut dem iga Report 49 nehmen Beschäftigte Angebote zur Gesundheitsförderung vor allem dann positiv wahr, wenn sie verständlich kommuniziert, nachvollziehbar begründet – und im Alltag konsequent umgesetzt werden.5

1
Arbeitsschutz Nordrhein-Westfalen: Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM)
2
gesund.bund (2020): Maßnahmen für Gesundheit am Arbeitsplatz
3
Indeed: Was ist BGM (Betriebliches Gesundheitsmanagement)? Vorteile, Umsetzung und Normen
4
Arbeitsrechte.de (2026): BEM-Gespräch: Ab wann es nötig wird und was es für Sie bedeutet
5
iga (2026): iga.Report 49
6
McKinsey Health (2026): Vom Potenzial zur Praxis: Leistungssteigerung durch bewährte Maßnahmen zur Gesundheitsförderung am Arbeitsplatz