Studie: Einsamkeit am Arbeitsplatz ist ein verbreitetes Phänomen

Psychische Belastungen im Job nehmen neue Formen an, das Gefühl der Isolation steigt. Rund jede fünfte erwerbstätige Person in Deutschland ist von Einsamkeit betroffen. Doch oft verhindern Scham und Stigmatisierung, dass Betroffene darüber sprechen oder rechtzeitig Hilfe suchen. Wir beleuchten den Zusammenhang zwischen modernen Arbeitsbedingungen und dem Einsamkeitsrisiko und erklären, warum ein strategisches Hinsehen auf allen Unternehmensebenen unverzichtbar ist.
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Das Wichtigste im Überblick

  • Weit verbreitetes Phänomen: Rund 18 Prozent der Beschäftigten in Deutschland erleben das Gefühl der Einsamkeit manchmal oder häufig – das ist knapp jede fünfte Person.

 

  • Keine reine Privatsache: Einsamkeit hat handfeste gesundheitliche und ökonomische Folgen, führt zu mehr Krankheitstagen und beeinträchtigt die Bindung an das Unternehmen. 

 

  • Arbeitsbedingungen als Hebel: Faktoren wie mangelnde Arbeitsfreude und das fachliche oder funktionale Alleinsein im Team erhöhen das Risiko drastisch.

 

  • Ganzheitliche Prävention: Punktuelle Events verpuffen. Wirksamer Schutz entsteht nur durch ein aufeinander abgestimmtes Zusammenspiel von Individuum, Team, Führung und Organisation.
Studie: Fast 18 Prozent der Beschäftigten erleben Einsamkeit

Wer sich im Arbeitsalltag trotz voller Terminkalender unverstanden, ausgeschlossen oder sozial isoliert fühlt, ist damit nicht allein. Eine aktuelle Untersuchung des Instituts für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e. V. (ISS), gefördert durch den BKK Dachverband e. V., hat die Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) sowie vertiefende Praxis-Interviews analysiert. Das Ergebnis: Rund 18 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung ab 18 Jahren in Deutschland sind von Einsamkeitsbelastungen betroffen.

 

Das zeigt: Soziale Isolation und mangelnde Zugehörigkeit sind im modernen Berufsleben allgegenwärtig. Zwar schützt Erwerbstätigkeit grundsätzlich vor Einsamkeit – die Quote liegt deutlich unter der von Nicht-Erwerbstätigen (25 Prozent) –, doch entscheidend ist das Wie der Arbeit. Besonders gefährdet sind junge Beschäftigte in Übergangsphasen (z. B. Auszubildende), Menschen mit hoher Alltagsbelastung (Alleinerziehende oder Care-Arbeit-Leistende) sowie Personen mit geringer Subjektiver Gesundheit.

Junge Menschen sind besonders betroffen.

18
%
erleben das Gefühl der Einsamkeit im Job manchmal oder häufig.
35
%
Einsamkeitsquote bei Beschäftigten, die keine Freude an der Arbeit haben.
Facetten der Isolation – wenn Kontakte oberflächlich bleiben

Einsamkeit ist ein subjektives Gefühl und darf nicht mit dem (oft gewollten) Alleinsein verwechselt werden. Sie entsteht durch eine Diskrepanz zwischen den gewünschten und den tatsächlichen Beziehungen. Im betrieblichen Alltag zeigt sich Einsamkeit in ganz unterschiedlichen, oft unsichtbaren Facetten:

 

  • Fachbezogene Einsamkeit: Entsteht, wenn Beschäftigte die einzige Person ihrer Profession im Team sind (z. B. ein einzelner Sozialpädagoge in einem multiprofessionellen Team) und der tiefere fachliche Austausch fehlt.

 

  • Rollenbezogene Einsamkeit: Personen in kontrollierenden oder machtvollen Positionen (Führungskräfte, Personalabteilung) erleben oft eine soziale Distanzierung durch Kolleg:innen, die Nähe meiden, um sich selbst nicht angreifbar zu machen.

 

  • Arbeitsorganisationsbezogene Einsamkeit: Virtuelle Kommunikation im Homeoffice kann den natürlichen Austausch einschränken. Betroffene fühlen sich oft aus dem „Inner Circle“ ausgeschlossen, wenn wichtige Stimmungen und Entscheidungen vor Ort „zwischen Tür und Angel“ getroffen werden.


Dabei räumt die Studie mit einem gängigen Mythos auf: Homeoffice an sich führt nicht automatisch zu mehr Einsamkeit. Beschäftigte im Homeoffice berichten mit 15,5 % sogar seltener von Einsamkeit als jene ohne mobiles Arbeiten (19,9 %). Der Grund liegt in den oft stabileren, selbstbestimmteren Rahmenbedingungen und der besseren Autonomie dieser Tätigkeiten.

Broschüre zum Download

  • Einsam im Job: Verstehen, erkennen, begegnen.
    Die Broschüre unterstützt Unternehmen, Praktikerinnen und Praktiker und Interessierte dabei, sich dem Thema Einsamkeit in der Arbeitswelt anzunähern, es zu verstehen und Schritte in Richtung einer einsamkeitssensiblen Personalpolitik zu gehen. Von den Grundlagen über Dimensionen von Einsamkeit liefert die Broschüre wertvolle Tipps, wie sich Einsamkeit erkennen lässt, wie Führungskräfte sensibilisiert werden können und wie Unternehmen einsamkeitssensible Maßnahmen und Strukturen gestalten können.
Wirtschaftlicher Risikofaktor: Was Unternehmen tun können

Chronische Einsamkeit ist keine reine Privatsache, sondern wirkt auf den Körper wie dauerhafter Stress, der das Immunsystem schwächt und das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes Typ 2 erhöht. Für Betriebe führt dies zu greifbaren ökonomischen Schäden durch verminderte Arbeitszufriedenheit, Leistungsrückgang und eine signifikant höhere Wechselbereitschaft der Mitarbeiter:innen. 

 

Um Einsamkeit wirksam zu begegnen, müssen Unternehmen aus der Tabuzone heraustreten. Da Scham und die Angst vor einer negativen Leistungsbeurteilung Betroffene oft schweigen lassen, ist eine systematische Erfassung der erste Schritt. Instrumente wie die Work Loneliness Scale (WLS) helfen, organisationale Faktoren wie Zugehörigkeit und Unterstützung im Arbeitskontext anonym und gezielt zu messen, so die Studie.

Fünf-Ebenen-Modell: Ansatzpunkte für die Praxis
  • Individuum: Vertrauliche psychosoziale Beratungsangebote, Mentoring, Reflexionsimpulse.

 

  • Team: Kurze persönliche Check-ins in Meetings, Buddy-Programme beim Onboarding, gemeinsame Pausen.

 

  • Führung: Sensibilisierungsschulungen, proaktive Ansprache bei Verhaltensänderungen, Vorbildfunktion einnehmen.

 

  • Fachkräfte: Integration des Themas in das Betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM) und HR-Prozesse.

 

  • Organisation: Strategische Verankerung, Bereitstellung von zeitlichen Ressourcen für Austausch, Begegnungszonen.
Fazit: Strukturelles Thema für Betriebe

Einsamkeit im Job ist kein individuelles Versagen, sondern maßgeblich durch die Strukturen und Rahmenbedingungen der Organisation gestaltbar. Betriebe, die in eine einsamkeitssensible Kultur und ein starkes soziales Miteinander investieren, sichern langfristig die Gesundheit und Leistungsfähigkeit ihrer Belegschaft.

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